Am 30. September, beim dritten Glas Rotwein, sagte mein Mann: „Ich mach den Oktober nüchtern.“ Ich sagte: „Und ich mache dich keusch.“ Er lachte. Ich nicht.
Heute ist der 6. Oktober. Er trägt seit fünf Tagen einen Keuschheitskäfig und trinkt Gurkenwasser. Ich trage einen Schlüssel an einer Kette um den Hals und das Gefühl, endlich einen Vertrag mit klaren Konditionen zu führen.
Die Vertragslage
Als Anwältin weiß ich: Ein guter Vertrag braucht Leistung, Gegenleistung und eine Kündigungsfrist. Die Ehe hat davon in zwanzig Jahren höchstens die Kündigungsfrist behalten.
Locktober dagegen ist erfrischend eindeutig. Er verzichtet. Ich verwahre. Es gibt einen Schlüssel, einen Monat und keine Verhandlung über „Ich bin heute einfach müde“.
Eine Frau, die den Schlüssel hat, muss sich übrigens nie wieder fragen, ob er Lust hat. Sie hat jetzt eine ganz andere Frage: Ob er sie verdient.
Nüchtern und verschlossen: eine Beobachtung
Mein Mann ist zum ersten Mal seit Jahren abends klar im Kopf. Er sitzt auf dem Sofa, schaut mich an und sagt Dinge wie: „Sollen wir reden?“ Ohne Alkohol hat er plötzlich Gedanken. Ohne Sex hat er plötzlich Zeit. Beides zusammen macht ihn gefährlich aufmerksam.
Er räumt die Spülmaschine ein. Er fragt nach meinem Tag und hört die Antwort an. Gestern hat er den Müll rausgebracht, ohne dass ich es dreimal sagen musste, und dabei so schuldbewusst geguckt, als hätte er etwas ausgefressen.
Ich habe in meinem früheren Beruf viele Männer erlebt, die sich für Aufmerksamkeit eine Menge hätten einfallen lassen. Mein Ehemann bekommt sie jetzt gratis, mit Hausmann-Bonus. Keuschheit ist offenbar die effizienteste Haushaltshilfe seit der Erfindung des Geschirrspülers.
Zwischenbilanz nach Tag 6
- Alkohol: null. Tonic-Bestand: 14 Flaschen.
- Sex: null. Blicke im Flur: eindeutig mehr.
- Sein Gemüt: überraschend gut. Er ist bemüht. Er ist charmant. Er schreibt mir Nachrichten, in denen Sätze vorkommen wie „Ich denke an dich“.
- Mein Gemüt: großzügig. Ich lasse ihn leiden, aber mit Stil.
- Der Schlüssel: sicher verwahrt, in der Handtasche, neben dem Korkenzieher, für den Fall, dass ich ihn selbst brauche.
Und umgekehrt?
Natürlich geht das auch andersherum. Den Käfig tauschen wir gegen etwas, das sie ebenso zuverlässig am Anfassen hindert: den Fernseher im Schlafzimmer. Ich habe mir sagen lassen, dass Frauen im Locktober-Modus zu erstaunlichen Leistungen fähig sind. Sie lesen Bücher, sie hören auf, an der Wand zu starren, und sie fragen ihre Männer plötzlich, was sie eigentlich wollen.
Der Unterschied: Der Mann im Käfig weiß, was er will. Die Frau im Keuschheitsmonat weiß es auch, aber sie lässt ihn warten. Das ist keine Biologie. Das ist Verhandlungsgeschick.
Wer den Schlüssel hat, braucht keine Macht. Er braucht nur Geduld und einen Kalender mit dem 1. November.
Und der Mann ohne Schlüssel? Der hat plötzlich sehr viel Zeit, über Kommunikation nachzudenken.
Wer hält bei Ihnen den Schlüssel? Schreiben Sie es in die Kommentare, nüchtern oder nicht.
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