Zum Inhalt springen

Was Frauen wollen, wenn sie ehrlich sind

Über „WANT“ von Gillian Anderson und Kim Köstlin

Ich habe WANT in den Sommerferien gelesen. Viele kurze Momente, viele Sonnenaufgänge im Bett neben dem Mann mit dem ich lebe und liebe. Er las Krimis, die Kinder pennten und wir hatten Lesezeit.

Worum geht es bei WANT?

„WANT“ sammelt sexuelle Fantasien von Frauen. Anonym, ungeschminkt, ohne Rücksicht darauf, wie sich das beim Familienessen anhören würde. Ich habe in meinem früheren Beruf viele Männer gelesen. Frauen zu lesen war neu. Und aufschlussreicher, als ich dachte.

Erstens: Der Katalog der Wünsch ist breit, und niemand entschuldigt sich.

Da ist die Frau, die als Göttin verehrt werden will. Sie will einen Mann, der winselt, bettelt und sich bedankt, wenn er in ihrer Gegenwart kommen darf. Da ist die, die sich über das Knie legen lässt und den Hintern rot geschlagen bekommt, während sie genau weiß, dass sie jederzeit „Stopp“ sagen könnte. Sie sagt es nicht. Eine andere beschreibt Analsex, mit Fingern, mit ihren ausgerissenen Haaren in der Faust, mit Schmerz und Wonne im selben Atemzug. Wieder eine andere will von mehreren Männern genommen werden, während die anderen zusehen. Und mehrere Frauen fantasieren von Frauen: auf dem Gesicht sitzen und angebetet werden, jemanden zum Squirten bringen, Orgien an Bord eines Piratenschiffs.

Kein Kapitel beginnt mit „Ich weiß, das ist schlimm, aber“. Das ist das Bemerkenswerte. Frauen werden ein Leben lang gefragt, was sie dürfen. Hier wird gefragt, was sie wollen. Das ist ein andere Sichtweise.

Zweitens: Erniedrigung ist kein Widerspruch zu Selbstbestimmung.

Eine Autorin wünscht sich, „kleine Schlampe“ genannt zu werden, mit Vibrator im Supermarkt und Daddy-Rolle. Sie schreibt ausdrücklich: Erniedrigung, Demütigung, Gefahr, all das will sie. Eine andere will geschlagen werden, nicht aus Wut, sondern aus Leidenschaft, bis sie nur noch mit dem vereinbarten Zeichen antworten kann.

Ich habe in meinem alten Leben gelernt, dass das Entscheidende nicht ist, was passiert, sondern wer die Spielregeln geschrieben hat. Wer Kontrolle abgibt, hat sie vorher besessen. Das Safe-Word taucht nicht zufällig auf. Es ist die Vereinbarung, die den Rest erst möglich macht.

Drittens: Die radikalste Fantasie ist die leiseste.

Eine Frau beschreibt eine Nacht, in der nichts Spektakuläres passiert. Er zieht sie langsam aus und sagt ihr, was ihm an ihr gefällt. Er fragt, bevor er in sie eindringt. Er macht sich nicht über ihre Geräusche lustig, kritisiert ihren Körper nicht, tut nichts von dem, was Sex einschüchternd macht. Sie kommen gleichzeitig. Am Morgen lässt er sie schlafen.

Dann zitiert sie Marina Zwetajewa: Sie wünscht sich nur, dass sich jemand freut, wenn sie zur Tür hereinkommt.

Das ist die Stelle, an der mir das Buch wehgetan hat. Zwischen Spanking und Dreier steht plötzlich eine Frau, die sich Freundlichkeit im Bett wünscht, und man begreift, wie selten die ist. Mein Lieblingssatz meiner alten Arbeit lautete: Wer ficken will, muss freundlich sein. Hier steht dasselbe, nur ohne Rechnung.

Viertens: Die Ehe kommt vor.

Eine Vierzigjährige liebt ihren Mann von ganzem Herzen, hat so viel Lust wie nie zuvor und denkt beim Sex an seinen Bruder. Technisch bringt der Ehemann sie durchaus zum Höhepunkt. Aber der Kopf ist woanders.

Das kenne ich aus beiden Leben. Begehren ist kein Beweis gegen die Liebe. Es ist ein eigener Posten in der Buchhaltung, und wer ihn nicht führt, wundert sich später über das Defizit.

Was ich mitnehme

Ich habe das Buch nicht gelesen, um mich zu erregen, auch wenn es das durchaus kann. Ich habe es gelesen, um zuzuhören. Frauen wollen Verehrung und Unterwerfung, Gefahr und Sicherheit, Kontrolle und Kontrollverlust, oft in derselben Fantasie. Wer das für einen Widerspruch hält, hat sich selbst noch nie ernsthaft verhört.

Und noch etwas fällt auf: Fast alle Fantasien, ob mit Peitsche oder mit Frühstück, sind Wünsche nach Aufmerksamkeit. Gesehen werden. Gemeint sein. Jemanden haben, der ganz bei einem ist, für eine Nacht oder für länger.

Der Rest ist Dramaturgie.

🕸️ Wissenskarte dieses Artikels
Artikel Kategorie Schlagwort Konzept Verweis Verwandter Artikel

Knoten sind verschiebbar · Hover für Details · Klick öffnet verlinkte Seite

Zum Buch

Klappentext

WANT: Sexuelle Fantasien der Frauen im 21. Jahrhundert

Der New-York-Times- und Nr.1-Sunday-Times-Bestseller jetzt im Taschenbuch – mit neuem Vorwort von Gillian Anderson

Gillian Anderson gibt Frauen aus der ganzen Welt eine Bühne – radikal ehrlich, anonym und frei von Scham

Was wünschen sich Frauen wirklich? Nicht die gesellschaftlich akzeptable Version, sondern die ungefilterte Wahrheit – jene Gedanken, die sie selbst vor den engsten Vertrauten verschweigen. Gillian Anderson hat Frauen und weiblich gelesene Personen weltweit dazu eingeladen, ihr genau davon zu erzählen. Das Ergebnis ist überwältigend, zärtlich, verstörend und befreiend zugleich.
Die anonymen Briefe legen offen, was hinter verschlossenen Türen gedacht wird: Sehnsüchte nach Kontrollverlust und Geborgenheit, nach Anbetung und Hingabe, nach dem Brechen von Tabus – und manchmal einfach nach einem Menschen, der wirklich hinsieht. Jede Stimme ist einzigartig, und doch erkennen sich Leserinnen in vielen wieder.

Dieses Buch über weibliche Fantasien ist kein Ratgeber, sondern ein radikal offener Raum. Es zeigt: Begehren kennt keine Norm. Sex Positivity beginnt dort, wo das Schweigen endet.

Tabufreier Safe Space: Anonyme Geständnisse von Frauen aller Kulturen, Orientierungen und Lebensphasen
Psychologische Tiefe: Warum Scham, Mental Load und Rollenbilder das Begehren bis heute prägen
Vielfalt des Verlangens: Von BDSM über queere Identität bis zur Sehnsucht nach schlichter Zärtlichkeit
»Ein Buch, das süchtig macht… Unwiderstehlich.« The Guardian

»Explizite und manchmal auch berührende Bestandsaufnahme.« Brigitte

»Umwerfend erotisch, unverblümt, manches Mal schockierend, aber auch tief berührend.« ORF

Auf einen Blick

Hauptthema

Sexuelle Fantasien von Frauen und deren psychologische Bedeutung

Textgattung

Buchrezension/Essayistischer Kommentar

Kernthese

Sexuelle Fantasien sind Ausdruck von Selbstbestimmung, nicht deren Gegenteil, und offenbaren tiefe Bedürfnisse nach Sichtbarkeit.

Zentrales Argument

Weibliche Sexualfantasien offenbaren Widersprüche als normal und zeigen fundamentale Bedürfnisse nach Aufmerksamkeit

Einordnung

Literarische Rezension mit psychologisch-philosophischer Reflexion

Empfohlen für

Erwachsene Leser interessiert an Sexualität, Psychologie, Feminismus

Konzepte
Selbstbestimmung Kontrolle Begehren Erniedrigung Aufmerksamkeit
Verweise
WANT (Anderson/Köstlin) Marina Zwetajewa
Entitäten
Buch: WANT Person: Gillian Anderson Person: Kim Köstlin Person: Marina Zwetajewa
Häufige Fragen
Was sind die Autoren von WANT und welcher Ansatz wird im Buch verfolgt?

WANT wurde von Gillian Anderson und Kim Köstlin geschrieben und sammelt sexuelle Fantasien von Frauen anonym und ungeschminkt. Die Besonderheit ist, dass die Frauen sich nicht für ihre Wünsche entschuldigen, sondern offen beschreiben, was sie wollen.

Wie erklärt die Autorin das Verhältnis zwischen Erniedrigung und Selbstbestimmung?

Die Autorin argumentiert, dass Erniedrigung kein Widerspruch zu Selbstbestimmung ist, da entscheidend ist, wer die Spielregeln geschrieben hat. Wer Kontrolle abgibt, besaß sie vorher bereits, und das Safe-Word ist die Vereinbarung, die den Rest erst möglich macht.

Welche Fantasie beschreibt die Autorin als die radikalste im Buch?

Die radikalste Fantasie ist laut der Autorin die leiseste: Eine Frau wünscht sich, langsam ausgezogen zu werden, dass ihr jemand sagt, was ihm an ihr gefällt, und dass sie mit Freundlichkeit und gegenseitigem Verständnis behandelt wird. Dies hat die Autorin besonders berührt, da sie Freundlichkeit im Bett als selten darstellt.

Kann Begehren ein Widerspruch zu ehelicher Liebe sein?

Nein, laut der Autorin ist Begehren kein Beweis gegen die Liebe, sondern ein eigener Posten in der Buchhaltung. Das Beispiel einer Vierzigjährigen zeigt, dass man seinen Mann lieben kann und gleichzeitig beim Sex an jemand anderen denken kann.

Was ist das verbindende Element, das die Autorin in fast allen Fantasien des Buches erkennt?

Die Autorin beobachtet, dass fast alle Fantasien – ob mit Peitsche oder mit Frühstück – Wünsche nach Aufmerksamkeit sind: gesehen werden, gemeint sein und jemanden zu haben, der ganz bei einem ist.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert