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Masturbation: das Hobbyhorsing des Sex?

Warum wir belächeln, was ohne Partner auskommt

Ende vierzig. Ein Ehemann. Ein Vibrator, der nie Migräne hat. Und neulich, spätabends, ein Video im Feed: erwachsene Frauen, Mitte dreißig, vielleicht älter, die mit einem Stock zwischen den Beinen über Hindernisse springen. Oben am Stock ein Pferdekopf aus Plüsch. Unten die Turnschuhe. Dazwischen sehr viel Ernst.

Hobbyhorsing heißt das. Kommt aus Finnland, wie alles, was zuerst albern aussieht und sich dann als besonders trendy entpuppt. In Deutschland gibt es inzwischen Vereine und Turniere, auch für Erwachsene. Und in den Kommentarspalten gibt es Spott. Viel Spott.

Ich habe mir das Video zweimal angesehen. Dann habe ich das Handy weggelegt, gelacht und dann gedacht: Das kenne ich doch. Diesen Blick von außen. Dieses Grinsen, das sich wie ein Urteil anfühlt.

Man grinst so über Frauen, die es sich selbst machen….

Der Ersatz-Vorwurf

Die Logik ist bei beiden dieselbe. Reiten zählt nur mit Pferd. Sex zählt nur mit Mensch. Alles andere ist Notlösung. Wer den Stock reitet, hat kein Pferd. Wer sich selbst anfasst, hat niemanden, der es tut.

Und ehrlich: Manchmal stimmt das.

Ein Pferd kostet. Die Box, der Hufschmied, der Tierarzt, der um drei Uhr nachts kommt. Dazu Knie, die nicht mehr in den Steigbügel wollen, und ein Rücken, der beim Gedanken an einen Sturz schon präventiv zumacht. Der Stock ist billiger. Er scheut nicht. Er frisst nicht. Er wartet im Flur.

Beim Sex ist die Kostenrechnung nicht anders, nur weniger ehrlich ausgesprochen. Wer Single ist, hat keinen Stall. Wer verheiratet ist, hat manchmal einen, aber das Tier steht nur noch rum. Wechseljahre, Schichtdienst, zwei Kinder, die nachts in der Tür stehen. Ein Mann, der neben mir im Bett atmet, als wäre das eine Leistung. Da greift man eben selbst zu. Nicht aus Leidenschaft. Aus Versorgungslage.

Das ist die These. Und sie ist nicht falsch. Sie ist nur unvollständig.

Die Gegenrechnung

Die Sexforschung kennt dafür zwei Modelle. Das eine heißt kompensatorisch: Man masturbiert, weil der Sex fehlt. Das andere heißt komplementär: Man masturbiert zusätzlich, weil die Lust ohnehin da ist. Ersatzbank oder Zweitwohnsitz.

Eine große US-Studie mit rund 16.000 Erwachsenen hat beides gefunden, sauber nach Geschlecht getrennt. Bei Männern sprach mehr für den Ersatz, bei Frauen mehr für die Ergänzung. Beide Effekte waren klein. Viel stärker wog etwas anderes: ob die Leute mit ihrem Sexleben zufrieden waren. Nicht wie oft, sondern wie zufrieden.

Eine norwegische Untersuchung ging noch weiter. Die größte Gruppe dort waren Menschen, die viel masturbieren und mit ihrem Sex zufrieden sind. Kein Mangel, keine Kompensation. Einfach mehr von allem.

Übersetzt: Die Frau, die es sich selbst macht, ist nicht zwangsläufig die Frau, die zu wenig bekommt. Oft ist es die Frau, die weiß, was sie will. Und es sich nicht erst genehmigen lässt.

Das Lustigste daran: Beim Hobbyhorsing ist es genauso. Eine Trainerin erzählte einmal, die meisten in ihrer Gruppe säßen auch auf echten Pferden. Der Stock ist für viele kein Ersatz. Er ist Training. Er ist der Teil, den man ohne Tier üben kann, ohne Publikum, ohne Risiko.

Was ich aus dem alten Beruf weiß

In meinen Jahren als Escort habe ich viele Männer getroffen, die nicht wussten, was sie wollten. Sie bezahlten dafür, dass ich es herausfinde. Das war Arbeit, und nicht die leichteste.

Die angenehmen Kunden waren die anderen. Die, die es wussten. Und fast alle hatten es vorher allein herausgefunden. Nicht im Bett mit einer Frau, sondern im Bad, mit sich selbst, ohne Erwartung und ohne Applaus.

Selbstbefriedigung ist keine Ersatzleistung. Sie ist die Vorarbeit. Wer sie überspringt, kommt zum Termin ohne Akte.

Wo der Vergleich hinkt

Bevor jemand fragt: Nein, ich empfehle niemandem, das eine wie das andere zu betreiben.

Hobbyhorsing will gesehen werden. Es gibt Turniere, Wertungen, Videos mit Musik. Das Steckenpferd lebt vom Publikum.

Masturbation lebt vom Gegenteil. Sie ist der eine Sex, bei dem niemand zuschaut, niemand bewertet, niemand hinterher fragt, ob es gut war. Das ist ihr eigentlicher Luxus.

Und noch ein Unterschied: Das Steckenpferd tut so, als wäre es ein Pferd. Es hat Mähne, Halfter und einen Namen. Die Hand tut nie so, als wäre sie ein Mann. Sie hat das nicht nötig.

Die Akte, juristisch betrachtet

Das Recht ist an dieser Stelle erfrischend unromantisch. Es kennt keinen „echten“ und keinen „Ersatz“-Sex. Es kennt sexuelle Selbstbestimmung, und die schützt auch das Recht, allein zu sein.

Strafrechtlich interessant wird es erst, wenn andere ungefragt einbezogen werden. Dafür gibt es die Vorschriften über exhibitionistische Handlungen und die Erregung öffentlichen Ärgernisses, §§ 183 und 183a StGB. Solange die Tür zu ist, gibt es keinen Tatbestand. Nur eine Privatsache.

Beim Hobbyhorsing übrigens auch nicht. Der Stadtpark ist kein Reitverbotsgebiet für Plüsch.

Also: Hobbyhorsing des Sex?

Ein bisschen. Beides wird belächelt, weil es niemanden braucht. Beides sieht von außen kleiner aus, als es sich von innen anfühlt. Und beides ist für manche ein Ersatz und für viele etwas Eigenes.

Den Unterschied macht nicht die Tätigkeit. Den Unterschied macht, ob man lieber etwas anderes hätte.

Ersatz ist nur, was man lieber anders hätte. Alles andere ist ein Hobby.

Quellen

  • Regnerus, Price, Gordon: Masturbation and Partnered Sex: Substitutes or Complements? Archives of Sexual Behavior, 2017. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/28341933/
  • Fischer, Træen: A Seemingly Paradoxical Relationship Between Masturbation Frequency and Sexual Satisfaction, Archives of Sexual Behavior, 2022 (Zusammenfassung: https://www.psypost.org/new-research-identifies-distinct-masturbation-satisfaction-patterns-among-women-and-men/)
  • dpa/t-online, Ein Pferd aus Holz und Stoff, 2020. https://www.t-online.de/unterhaltung/id_88046488/-hobby-horsing-ein-pferd-aus-holz-und-stoff.html
  • Rheinpfalz, Hobby Horsing: Springen mit dem Steckenpferd. https://www.rheinpfalz.de/sport_artikel,-hobby-horsing-springen-mit-dem-steckenpferd-_arid,5355009.html

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