In meinem alten Job als Escort ist mir das immer wieder passiert. Ein Mann sitzt mir gegenüber, der auf den ersten Blick alles hat: gutaussehend, belesen, empathisch, charmant. Ich dachte dann oft: Mensch, warum bucht der eigentlich eine Escort?
Nicht, dass es mich geärgert hätte. Im Gegenteil. Diese Dates waren oft die schöneren. Es ging nicht nur um den Akt. Da wurde auch der sapiosexuelle Teil in mir angesprochen – das Gespräch, das Interesse, die Art, wie jemand zuhört. Manchmal traf man sich ein zweites, drittes Mal.
Und dann kam fast immer derselbe Punkt.
Der sonst so nette, kluge Typ fing an zu erzählen, warum es zu Hause nicht mehr läuft. Stress. Die Frau ist sauer. Gegenseitige Vorwürfe, unausgesprochene Sorgen, der Alltag, der sich zwischen die Körper geschoben hat. Die Erotik im gemeinsamen Bett findet nicht mehr statt. Vorher vielleicht schon nicht täglich. Jetzt gar nicht mehr. Zu Hause wird im Handbetrieb gearbeitet. Beide sind unglücklich.
Ich habe mich in solchen Momenten oft gefragt: Was machen eigentlich die Frauen? Die, die vorher auch Bedürfnisse hatten. Liegen die dann heimlich im Bett und machen es sich selbst? Buchen sie sich einen männlichen Escort?
Die meisten tun es nicht. Manchmal wäre das ein pragmatischer Weg. Aber zurück zur Überschrift.
Wer in einer Beziehung atmosphärische Störungen hat, wird meistens auch schlechten Sex haben. Oder gar keinen. Der Spruch, den man so gerne zitiert, hat seine Berechtigung: Wer ficken will, muss freundlich sein.
Erst wenn ihr wieder auf einer Gesprächsebene ankommt – nett, klar, ohne Dauerkrieg –, wenn ihr euch zuhört, statt euch nur noch zu verwalten, kommt die gemeinsame Erotik oft von selbst zurück. Dazu gehört, dass ihr offen sagt, was fehlt. Nicht als Vorwurf. Als Tatsache.
Ich habe Männer gesehen, die zu Hause längst aufgehört hatten, freundlich zu sein, und sich dann wunderten, dass niemand mehr Lust auf sie hatte. Und ich habe gesehen, wie schnell sich etwas verschiebt, sobald die Atmosphäre wieder stimmig ist.
Sex ist selten das eigentliche Problem. Er ist oft nur der Ort, an dem man merkt, dass man sich schon länger nicht mehr wirklich begegnet.
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