Kapitel 1: Ankunft
Die Hitze schlug Clara wie eine warme Umarmung entgegen, als sie aus dem klimatisierten Zug stieg. 28 Grad um neun Uhr morgens – willkommen an der Côte d’Azur. Sie atmete tief ein und schmeckte das salzige Meer, vermischt mit dem Duft von Thymian und Rosmarin, der von den nahegelegenen Hügeln herüberwehte.
„Endlich“, murmelte sie und zerrte ihren Koffer über den Bahnsteig von Fréjus. Nach drei Jahren Scheidungskrieg, endlosen Anwaltsgesprächen und dem Verkauf des gemeinsamen Hauses hatte sie sich diese Auszeit mehr als verdient. Vier Wochen nur für sich – keine Termine, keine Verpflichtungen, keine Kompromisse.
Das Oasis Hotel lag nur wenige Gehminuten vom Bahnhof entfernt, eingebettet zwischen Palmen und Oleanderbüschen, deren rosafarbene Blüten im Sonnenlicht leuchteten. Die Rezeptionistin, eine braungebrannte Frau mittleren Alters mit einem warmen Lächeln, begrüßte sie auf Französisch.
„Bonjour, Madame. Sie müssen Frau Weber sein. Herzlich willkommen!“
Claras Zimmer lag im zweiten Stock mit Blick auf den Pool und dahinter das azurblaue Mittelmeer. Sie öffnete die Balkontüre und ließ die warme Brise über ihre Haut streichen. Zum ersten Mal seit Monaten spürte sie, wie sich ihre Schultern entspannten.
Kapitel 2: Erste Begegnung
Am nächsten Morgen schlenderte Clara zum Strand von Fréjus. Der feine goldene Sand war noch kühl unter ihren nackten Füßen, und die Morgensonne ließ das Wasser in unzähligen Diamanten funkeln. Sie suchte sich einen ruhigen Platz abseits der bereits aufgestellten Sonnenschirme und breitete ihr Handtuch aus.
„Entschuldigung, sprechen Sie Deutsch?“
Clara blickte auf. Vor ihr stand ein Mann, Ende vierzig schätzte sie, mit graumelierten Haaren und intensiven blauen Augen. Seine Badeshorts saßen perfekt um seine schlanken Hüften, und sein Oberkörper zeugte davon, dass er regelmäßig Sport trieb.
„Ja, tue ich“, antwortete sie vorsichtig.
„Ich bin Marc“, sagte er und lächelte. „Und ich dachte, ich wäre der einzige Deutsche hier. Darf ich?“ Er deutete auf den freien Platz neben ihr.
Clara zögerte einen Moment. Sie war hergekommen, um allein zu sein. Andererseits – was konnte schon passieren?
„Clara“, stellte sie sich vor. „Und ja, gerne.“
Marc breitete sein Handtuch aus und setzte sich. „Sind Sie auch auf der Flucht vor dem deutschen Wetter?“
„Unter anderem“, antwortete Clara diplomatisch.
„Verstehe. Ich bin geschäftlich hier – eigentlich. Immobilien.“ Er deutete in Richtung der roten Felsen des Estérel-Massivs, die dramatisch aus dem Meer ragten. „Aber bei diesem Wetter ist es schwer, sich auf die Arbeit zu konzentrieren.“
Clara folgte seinem Blick. Die Landschaft war atemberaubend – die Kontraste zwischen dem roten Gestein, dem dunklen Grün der Pinienwälder und dem türkisfarbenen Wasser des Mittelmeers ließen sie verstehen, warum Künstler seit Jahrhunderten an die Côte d’Azur pilgerten.
„Das kann ich verstehen“, murmelte sie.
Kapitel 3: Annäherung
Die nächsten Tage entwickelten sich zu einem angenehmen Rhythmus. Clara verbrachte die Vormittage am Strand, oft in Gesellschaft von Marc, der scheinbar genauso wenig Lust auf Arbeit hatte wie behauptet. Sie schwammen zusammen in dem warmen, kristallklaren Wasser, und Clara spürte, wie Marcs Blicke auf ihrer Haut verweilten, wenn sie aus dem Meer stieg, ihre Kurven von den nassen Stoffbahnen ihres Bikinis betont.
Am dritten Abend lud er sie zum Abendessen ins „Le Jardin de l’Oasis“ ein. Das Restaurant lag in einem idyllischen Garten, umgeben von duftenden Kräutern und dem sanften Plätschern eines kleinen Brunnens.
„Sie sind verheiratet“, stellte Marc fest und deutete auf den hellen Streifen an Claras Ringfinger.
„War ich“, korrigierte Clara und nahm einen Schluck von dem kühlen Rosé. „Seit drei Monaten geschieden.“
„Ah.“ Marc lehnte sich zurück. „Tut mir leid.“
„Mir nicht“, sagte Clara überrascht über ihre eigene Offenheit. „Nicht mehr. Es war… kompliziert.“
Marc nickte verstehend. „Ich bin seit fünf Jahren verwitwet.“
„Oh, das tut mir leid.“
„Krebs. Es ging schnell.“ Er starrte in sein Weinglas. „Seitdem konzentriere ich mich auf die Arbeit. Und gelegentlich auf schöne Orte wie diesen.“
Clara spürte eine seltsame Verbindung zu diesem Mann. Beide hatten Verluste erlitten, beide suchten etwas – auch wenn sie noch nicht wusste, was genau.
Kapitel 4: Versuchung
Der Meltemi-Wind hatte nachgelassen, und die Luft war drückend still, als Clara am nächsten Abend über die Promenade wandelte. In der Ferne hörte sie die Bässe des Summer Vibes Festivals, das am Strand aufgebaut worden war. Bunte Lichter tanzten über das Wasser, und sie konnte die Menschenmenge sehen, die sich zu den elektronischen Rhythmen bewegte.
„Haben Sie Lust zu tanzen?“
Marc war wie aus dem Nichts neben ihr aufgetaucht. Er trug ein weißes Leinenhemd, das er bis zur Brust aufgeknöpft hatte, und sie konnte das Salz auf seiner Haut riechen.
„Ich tanze nicht zu Elektro“, protestierte Clara schwach.
„Man tanzt nicht zu Elektro“, korrigierte Marc grinsend. „Man lässt sich von ihm mitreißen.“
Eine Stunde später fand sich Clara inmitten der schwitzenden, ekstatischen Menge wieder. Die Musik pulsierte durch ihren Körper, und der mediterrane Wind trug den Duft von Meer und Schweiß und etwas anderem – etwas Wildem und Befreiendem – zu ihr herüber.
Marc tanzte hinter ihr, seine Hände ruhten leicht auf ihren Hüften. Clara spürte die Hitze seines Körpers an ihrem Rücken und wurde sich plötzlich bewusst, wie lange es her war, dass sie einen Mann so nah gespürt hatte. Ihre Atmung wurde flacher.
„Clara“, murmelte Marc an ihr Ohr, seine Stimme kaum hörbar über die Musik.
Sie drehte sich um und sah in seine Augen. Die Luft zwischen ihnen vibrierte vor Spannung.
„Nicht hier“, flüsterte sie.
Kapitel 5: Hingabe
Marcs Zimmer lag im obersten Stock seines Hotels mit einer großen Terrasse, die direkt aufs Meer blickte. Clara konnte ihren eigenen Herzschlag hören, als sie die Glastür hinter sich schloss.
„Bist du sicher?“, fragte Marc und blieb zwei Schritte von ihr entfernt stehen.
Clara antwortete nicht mit Worten. Stattdessen löste sie das Band ihres Sommerkleides und ließ es zu Boden gleiten. Das Mondlicht malte silberne Linien auf ihre Haut.
Marc trat näher, seine Finger fuhren sanft über ihre Schultern. „Du bist wunderschön“, murmelte er.
Seine Lippen fanden ihren Hals, und Clara erschauerte. Es war so lange her, dass sie sich so begehrt gefühlt hatte. Marcs Hände wanderten über ihren Körper, erkundeten jede Kurve, jede empfindliche Stelle. Als er sie zum Bett führte, war ihr Verstand bereits in einem Nebel aus Lust und Begierde versunken.
Sie liebten sich langsam, intensiv, als hätten sie alle Zeit der Welt. Marc war ein aufmerksamer Liebhaber, der jeden ihrer Atemzüge, jedes kleine Stöhnen beachtete. Als Clara unter ihm kam, ihre Fingernägel sich in seine Schultern gruben, fühlte sie sich zum ersten Mal seit Jahren wieder vollständig lebendig.
Später lagen sie nackt auf der Terrasse, eine dünne Decke über sich gezogen, und lauschten dem rhythmischen Rauschen der Wellen.
„Das war…“, begann Clara.
„Ich weiß“, unterbrach Marc sie sanft und küsste ihre Stirn.
Kapitel 6: Realität
Die nächsten zwei Wochen vergingen wie im Traum. Clara und Marc verbrachten die Tage zusammen – schwimmend in versteckten Buchten, wandernd auf dem Küstenpfad der Zöllner, sich liebend unter dem französischen Himmel. Clara spürte, wie sich etwas in ihr veränderte, wie sie wieder zu der Frau wurde, die sie vor ihrer Ehe gewesen war.
Aber dann kam der Tag, an dem Marc abreisen musste.
„Komm mit mir nach München“, bat er sie am letzten Abend, während sie auf seiner Terrasse lagen, ihre Körper noch feucht vom Schweiß ihrer Leidenschaft.
Clara schwieg lange. „Marc…“
„Ich weiß, es ist verrückt. Aber das hier – du und ich – das ist nicht nur ein Urlaubsflirt.“
„Aber das ist es doch“, flüsterte Clara. „Das muss es sein.“
Marc setzte sich auf und sah sie an. „Warum?“
„Weil…“ Clara suchte nach Worten. „Weil ich erst lernen muss, wieder ich selbst zu sein. Nach der Scheidung, nach allem. Ich kann nicht direkt in die nächste Beziehung springen.“
Marc nickte langsam. „Und was ist mit dem, was wir haben?“
Clara berührte sein Gesicht. „Das behalte ich für immer in meinem Herzen. Aber im Moment brauche ich das hier – diese Zeit für mich.“
Epilog: Neue Anfänge
Sechs Monate später erhielt Clara eine Nachricht von Marc. Er war wieder in Fréjus, diesmal wirklich geschäftlich. Ob sie Lust hätte, ihn zu besuchen?
Clara las die Nachricht und lächelte. In den vergangenen Monaten hatte sie eine neue Wohnung gefunden, einen neuen Job angenommen und zum ersten Mal seit Jahren das Gefühl, dass sie wusste, wer sie war und was sie wollte.
Vielleicht war es Zeit für eine Rückkehr an die Côte d’Azur.
„Warum nicht?“, murmelte sie und begann zu tippen: „Ich komme nächste Woche. Diesmal sind WIR dran.“
