Die Rettungsindustrie und ihre Opfer
Es gibt eine Sorte Frau, die mich retten will. Sie sitzt in Talkshows, schreibt Petitionen und weint auf Podiumsdiskussionen über mein Schicksal. Sie hat nie mit mir gesprochen. Sie will auch nicht mit mir sprechen. Denn ich bin das falsche Opfer.
Ich habe als Escort gearbeitet. Freiwillig. Ich habe meine Kunden ausgewählt, meine Preise bestimmt, meine Grenzen gesetzt. Ich wurde nicht geschlagen, nicht erpresst, nicht verschleppt. Ich war eine selbstbestimmte Hure. Und genau das darf es nicht geben – zumindest nicht in der Welt jener Aktivistinnen, die aus meinem vermeintlichen Elend ihre Karriere gebaut haben.
Das Geschäft mit der Empörung
Nennen wir das Kind beim Namen: Es gibt eine Rettungsindustrie. Organisationen, die von Fördergeldern leben. Aktivistinnen, die auf Konferenzen referieren. Journalistinnen, die mit dem immer gleichen Narrativ Quote machen. Die Formel ist simpel: Je größer das Elend, desto größer die Notwendigkeit der Rettung. Je größer die Notwendigkeit, desto größer der Geldfluss.
Selbstbestimmte Sexarbeiterinnen stören dieses Geschäftsmodell. Wir passen nicht ins Bild. Also werden wir unsichtbar gemacht. Oder schlimmer: umgedeutet. „Die weiß nur nicht, dass sie ein Opfer ist.“ „Stockholm-Syndrom.“ „Internalisierte Unterdrückung.“ Die Pathologisierung der Selbstbestimmung – ein Klassiker.
Wer spricht für wen?
Die lautesten Stimmen in der Debatte gehören Frauen, die nie angeschafft haben. Die nie einen Kunden empfangen haben. Die nie verhandelt, nie abgelehnt, nie kassiert haben. Sie sprechen über uns, nicht mit uns. Sie maßen sich an zu wissen, was wir fühlen, was wir brauchen, was gut für uns ist.
Wenn eine von uns den Mund aufmacht und sagt: „Es war meine Entscheidung, und es war in Ordnung“ – dann wird sie zur Verräterin. Zur Kollaborateurin des Patriarchats. Zur nützlichen Idiotin der Zuhälterlobby. Die Ironie ist bitter: Dieselben Frauen, die von Selbstbestimmung über den eigenen Körper predigen, sprechen uns genau diese ab.
Das Nordische Modell ist kein Schutz. Es ist Bestrafung.
Schweden, Norwegen, Frankreich – überall dort, wo das Nordische Modell eingeführt wurde, zeigen Studien dasselbe: Sexarbeit verschwindet nicht. Sie wird unsichtbarer. Gefährlicher. Frauen haben weniger Zeit, Kunden einzuschätzen. Weniger Verhandlungsmacht. Weniger Zugang zu Gesundheitsversorgung und rechtlichem Schutz.
Aber das interessiert die Rettungsindustrie nicht. Denn ihr geht es nicht um uns. Es geht um das Gefühl, auf der richtigen Seite zu stehen. Um moralische Überlegenheit. Um den Applaus auf dem nächsten Podium.
Ich brauche keine Rettung
Ich bin heute Juristin. Mutter. Verheiratet. Meine Jahre als Escort waren Teil meines Lebens – kein Trauma, das ich verdränge, keine Schande, die ich verstecke. Ich habe gearbeitet. Ich habe verdient. Ich habe entschieden.
Die Frauen, die mich retten wollen, haben mir nie zugehört. Sie haben mich nie gefragt. Sie brauchen mich nicht als Person – sie brauchen mich als Projektionsfläche.
Aber ich bin kein Opfer. Ich war nie eins. Und ich weigere mich, eins zu werden, nur damit sich andere besser fühlen können.
