Sie hatte sich mit Bedacht in eine ruhige Ecke der Bar gesetzt und sah von dort dem treiben der anderen Besucher zu. Mit großem Interesse folgten ihre Blicke denen einer jungen rothaarigen Frau. Sie hatte das typische Gesicht mit einer blassen Haut, den grünen Augen die tief blicken ließen und diesen wunderbaren Sommersprossen. Sie trug eine eng sitzende Jeans und ein blaues Herrenhemd, das wie angegossen an ihrem schlanken Körper saß. Die Brüste hoben sich unter ihrem Atem und sie konnte leichte Erregung an ihren Wangen ablesen. Sie musterte den Raum der Bar, die dunklen Möbel mit den alten mit grünem Leder bezogenen Stühle, davor ab und an kleine Holztische. Die Bar selbst thronte am Kopf und strahlte Eleganz und Souveränität aus. Nicht wegen der edlen Getränke, sondern wegen des Habitus der Menschen die hinter ihr für die Gäste sorgten. Immer einen aufmerksamen Blick auf den Raum und die Trinker direkt am Tresen gerichtet. Dort wo die Aufgabe des Barkeepers zwischen der eines Psychotherapeuten und eines Cocktailgenies sich in sekundenschnelle ändern konnte.
Die junge Frau, sie nannte sie in Gedanken Giselle, setzte sich an einen Tisch auf dem eines der edlen goldfarbenen Reserviert-Schilder andeuteten, dass hier niemand anderes erwünscht war als die Personen die wussten auf wen dieser Tisch wartete.
Giselle hatte nichts dabei, keine Handtasche, kein Smartphone, kein Buch. Sie hatte buchstäblich nur sich. Unsere stille Beobachterin wurde mehr und mehr neugierig. In der Mitte der Bar saß ein gutaussehender Mann, vielleicht Mitte 50. Nicht der Klassiker der gutaussehenden Männer. Nicht dieses George Clooney Gesicht und auch nicht den Körper des Schauspielers, aber ein Mann mit einer leichten Sommerbräune die sich bis in den Spätherbst gerettet hatte. Der Bart ordentlich rasiert und die Augen dunkel und wach. Ein gut sitzender Anzug, der eher casual geschnitten war und europäische Beinlänge hatte. Ein Mann mit Geschmack, offenbar kein Investmentbanker. Anwalt, eher nicht. Wollte sie es herausfinden ging es ihr durch den Kopf. Der Anzug war in einem königsblau, ein markant gelb leuchtendes Einstecktuch hob sich vom feinen Stoff ab. Darunter ein eher locker sitzendes weißes Hemd. Was darauf schließen ließ, dass die Flasche Rotwein durchaus von ihme alleine getrunken werden könnte. Ein Genießer mit Geschmack und dem Mut es zu zeigen. Vor ihm auf dem Tisch ein Smartphone und ein Buch, an der Größe und am Einband konnte sie erkennen das es sich um ein Buch aus dem Diogenes Verlag handeln musste.
Giselle bekam Besuch. Ein Mann, nur halb so attraktiv wie der Mann den sie die ganze im Auge hatte. Er trug ein Poloshirt, weiß. Eine Chino in beige und blaue Socken zu grünen Sneakern. Ein Mann in den Klamotten seines Sohnes. Sie verstand was hier gerade passierte und der Diogenesmann wohl auch. Beide sahen sie dem gleichen Film zu, aber ihre Perspektiven waren wohl andere. Sie wusste aus eigener Erfahrung was Giselle wohl nun durch den Kopf ging. Er dachte wohl aus der Perspektive eines weltgewandten Mannes wie er der jungen Dame wohl begegnet wäre.
Der Gast von Giselle bestellte für beide ein Glas Weißwein und für sich offenbar noch einen Snack. Zwischen den beiden plätscherte das Gespräch vor sich hin, der Snack, ein Sandwich, kam an und dazu zwei weitere Wein. Die Unterhaltung wurde lebhafter, der Wein tat was er wohl sollte. Sie schaute zum Diogenesmann und dann trafen sich ihre Blicke. Er lächelte sie an und sie zurück. Wenige Minuten später kam eine Kellnerin an ihren Tisch und fragte was sie gerne trinken würde. Der Herr im blauen Anzug würde sich freuen, wenn er sie einladen dürfe.
tbc…
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